Die Ernte der eigenen Gemüsesamen am Ende einer erfolgreichen Gartensaison ist der logische und tiefste Akt gelebter Permakultur auf dem eigenen Grundstück. Indem wir die Samen unserer widerstandsfähigsten, geschmacklich besten und ertragreichsten Pflanzen gezielt sammeln, schließen wir den biologischen Kreislauf der Natur vollständig, ohne auf die Zufuhr von externen kaufmännischen Produkten angewiesen zu sein. Die Samengärtnerei erfordert jedoch ein hohes Maß an Fachwissen und Präzision, da jede Pflanzenfamilie völlig unterschiedliche biologische Mechanismen zur Samenreife und Vermehrung besitzt. Wer die Samen unüberlegt erntet, riskiert Schimmelbildung während der Winterlagerung oder eine unkontrollierte Verkreuzung im Beet. Für den sicheren Erfolg im Familienbetrieb konzentriert man sich zu Beginn am besten auf die drei unkompliziertesten und verlässlichsten Kulturen im Nutzgarten: Tomaten, Bohnen und Erbsen. Diese Pflanzen sind überwiegend Selbstbefruchter, was bedeutet, dass die Blüten sich meist befruchten, noch bevor sie sich vollständig öffnen, wodurch die Sortenreinheit im Freiland fast ohne Schutzmaßnahmen stabil bleibt.
Bei der Gewinnung von Tomatensamen stehen wir vor einer besonderen biologischen Herausforderung: Die winzigen Samen sind im Inneren der reifen Frucht von einer gallertartigen, schleimigen Schutzhülle umgeben. Diese Schleimhülle enthält von Natur aus spezifische Keimhemmstoffe. In der freien Wildbahn sorgt dieser Mechanismus dafür, dass der Samen in der feuchtwarmen Umgebung des herabgefallenen Fruchtfleisches nicht vorzeitig anfängt zu keimen, sondern die Keimruhe so lange beibehält, bis der Winter vorüber ist. Für die Samengewinnung müssen wir diese Schutzhülle durch einen kontrollierten, natürlichen Prozess abbauen: die Nassfermentation. Hierzu schneidet man eine vollkommen ausgereifte, gesunde Tomate der gewünschten samenechten Sorte auf und löffelt das gallertartige Innere samt den Samen in ein kleines, sauberes Einmachglas. Zu dieser Masse wird ein kleiner Schuss lauwarmes Leitungswasser sowie eine Prise normaler Haushaltszucker gegeben, um den Prozess anzuregen. Das Glas wird mit einem luftdurchlässigen Tuch abgedeckt und an einen warmen Ort gestellt.
Bereits nach zwei bis drei Tagen setzt in dem Glas ein mikrobiologischer Gärprozess ein. Es bildet sich eine dünne, weiße Pilzschicht auf der Wasseroberfläche, und die Flüssigkeit beginnt leicht säuerlich zu duften. Die nützlichen Bakterien und Pilze bauen die schleimige Keimhemmhülle um die Samen herum während dieser Zeit vollständig ab. Gleichzeitig sterben durch die entstehende Säure im Wasser eventuell vorhandene Krankheitserreger und Pilzsporen auf der Samenschale ab, was den Prozess zu einer wichtigen Hygienemaßnahme für die Pflanzengesundheit des nächsten Jahres macht. Das Timing ist hierbei entscheidend: Sobald sich die Samen am Grund des Glases absetzen und die Schleimhülle verschwunden ist, wird der Inhalt des Glases sofort in ein feines Küchensieb geschüttet und unter fließendem, kaltem Wasser gründlich abgespült. Verbleiben die Samen zu lange im gärenden Wasser, bricht die Keimhemmung dauerhaft zusammen, und die Samen beginnen im Wasser zu keimen, wodurch sie wertlos werden. Die sauberen Samen werden anschließend auf einem Stück unbedrucktem Backpapier weiträumig ausgebreitet und an einem schattigen, gut belüfteten Ort für etwa ein bis zwei Wochen vollständig durchgetrocknet.
Die Samengewinnung bei Hülsenfrüchten wie Erbsen, Buschbohnen und Stangenbohnen folgt einem völlig anderen, wesentlich trockeneren biologischen Ablauf. Hier überlassen wir die Reifung der Samen fast vollständig der Natur direkt am Strauch im Freiland. Während wir die Hülsen für den täglichen Verzehr in der Familienküche im jungen, knackigen Zustand ernten, lassen wir die für die Saatgutgewinnung ausgewählten Pflanzen im Spätsommer vollkommen unberührt wachsen. Die Hülsen verbleiben so lange am Trieb, bis sie sich gelbbraun verfärben, vollständig eintrocknen und eine pergamentartige, raschelnde Textur annehmen. Wenn man die trockene Hülse schüttelt, kann man das deutliche Klappern der harten Samenkörner im Inneren hören. Dies ist der exakte Zeitpunkt für die Ernte, die unbedingt an einem anhaltend trockenen, sonnigen Spätnachmittag stattfinden sollte, damit keine Restfeuchtigkeit aus dem morgendlichen Tau in das System gelangt.
Die geernteten, trockenen Hülsen werden im Haus vorsichtig mit den Fingern aufgebrochen, und die harten Erbsen- und Bohnenkerne werden entnommen. Obwohl die Samen optisch bereits vollkommen trocken wirken, enthalten sie in ihrem Inneren meist noch eine geringe Kernfeuchtigkeit, die bei einer sofortigen, luftdichten Verpackung im Winter unweigerlich zu ungesehenem Schimmel und Totalausfall der Keimfähigkeit führen würde. Die Bohnen und Erbsen werden daher für mindestens zwei weitere Wochen auf flachen Tellern oder Holztabletts in einem warmen, trockenen Wohnraum nachgetrocknet. Ein einfacher und unbestechlicher Härtetest im Alltag gibt dir die absolute Gewissheit: Versuche, mit dem Fingernagel eine tiefe Kerbe in das Samenkorn zu drücken. Ist der Samen noch leicht elastisch und gibt nach, muss er weiter trocknen. Ist das Korn steinhart und hinterlässt der Nagel keinerlei Spuren auf der Oberfläche, ist der Zustand perfekt.
Die langfristige, sichere Lagerung des fertigen Saatguts entscheidet schließlich darüber, ob die Lebenskraft der Embryonen über die Wintermonate hinweg erhalten bleibt. Die drei größten Feinde von gelagertem Saatgut sind Feuchtigkeit, Wärme und direktes UV-Licht. Die getrockneten Samen werden daher starr in kleine, beschriftete Papiertütchen, Kaffeefilter oder saubere, absolut luftdicht verschließbare Schraubgläser abgefüllt. Um eventuell verbliebene minimale Feuchtigkeitsspuren in den Gläsern im Keim zu ersticken, fügt man am besten ein kleines Säckchen mit Silicagel oder eine Handvoll trockene Reiskörner hinzu, die die Feuchtigkeit wie ein Schwamm binden. Die Saatgutbehälter werden anschließend an einem dunklen, konstant kühlen Ort, idealerweise im ungeheizten Keller, im Schlafzimmer oder im Nordzimmer bei Temperaturen zwischen fünf und fünfzehn Grad Celsius gelagert. Unter diesen optimalen Bedingungen bewahren Tomatensamen ihre volle Keimkraft für bis zu sechs Jahre, während Bohnen und Erbsen problemlos drei bis vier Jahre fertil bleiben und deine Haushaltskasse dauerhaft vor Ausgaben schützen.
