Das Abhärten von Jungpflanzen ist der alles entscheidende, logistische Zwischenschritt am Ende des Anzuchtzyklus, der über den endgültigen Erfolg oder das vollständige Scheitern der gesamten bisherigen Voranzucht entscheidet. Wer seine Tomaten, Paprika, Gurken, Zucchini und Kürbisse über Wochen hinweg liebevoll auf der heimischen Fensterbank gepflegt, gegossen und pikiert hat, besitzt im Mai meistens stattliche, tiefgrüne und vitale Pflanzensetlinge. Der natürliche Impuls vieler Heimgärtner ist es nun, diese prächtigen Pflanzen nach den Eisheiligen Mitte Mai, sobald die Frostgefahr im Freiland endgültig gebannt ist, direkt aus dem warmen Wohnzimmer in die frisch vorbereiteten Gartenbeete umzupflanzen. Das ist aus biologischer Sicht jedoch eine folgenschwere Fehlplanung, die im System zu einem extremen Schockzustand bei den Pflanzen führt. Die zarten Gewächse kennen bisher ausschließlich das geschützte, konstante Mikroklima des Hauses: Es gibt dort keinen nassen Regen, keinen austrocknenden Wind, keine extremen Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht und vor allem keine ungefilterte, aggressive ultraviolette Sonnenstrahlung. Werden diese verwöhnten Zimmerpflanzen ohne eine schrittweise Gewöhnung der prallen Natur ausgesetzt, reagieren sie innerhalb weniger Stunden mit schweren Schäden. Die Blätter verbrennen im Sonnenlicht, die Stängel knicken im Wind um, und das Wachstum stockt im schlimmsten Fall für Wochen komplett. Das kontrollierte Abhärten löst dieses logistische Problem im Schongang auf, indem es die Gewebe- und Zellstruktur der Pflanzen schrittweise an die rauen Freilandbedingungen anpasst.
Um den biologischen Prozess des Abhärtens fehlerfrei umzusetzen, muss man verstehen, was sich im Inneren der Pflanzenstruktur während dieser Phase verändert. Auf der Fensterbank hinter der Glasscheibe wachsen Pflanzen unter stark gefiltertem Licht auf. Da normales Fensterglas die hochenergetischen UV-Strahlen der Sonne fast vollständig blockiert, besitzen die Jungpflanzen im Haus keinerlei natürlichen Schutz gegen diesen Strahlungstyp. Bringt man sie nun unvorbereitet nach draußen, zerstört die intensive UV-Strahlung das Chlorofyll in den Blättern. Das Ergebnis ist der gefürchtete Sonnenbrand bei Pflanzen: Die Blätter verfärben sich innerhalb eines Tages silbrig-weiß, vertrocknen und sterben ab. Zudem sorgt das Fehlen von spürbarer Luftbewegung in der Wohnung dafür, dass die Pflanzen extrem dünne, weiche Zellwände und instabile Stängel ausbilden, da sie keinen mechanischen Reiz erhalten, der sie zur Stabilität zwingt. Beim Abhärten im Außenbereich sorgt der sanfte Wind dafür, dass in den Pflanzenzellen vermehrt der Stützstoff Lignin eingelagert wird. Der Stängel wird dadurch holziger, dicker und stabiler. Gleichzeitig bildet die Blattoberfläche eine dickere, schützende Wachsschicht, die sogenannte Cuticula, aus, die die Pflanze vor übermäßiger Verdunstung und den aggressiven Sonnenstrahlen schützt.
Die praktische Logistik dieses Gewöhnungsprozesses erfordert einen zeitlichen Vorlauf von etwa einer Woche bis zu zehn Tagen vor dem eigentlichen Auspflanztermin und lässt sich perfekt in den täglichen Familienalltag integrieren. Der Prozess beginnt starr an einem leicht bewölkten, milden und absolut windstillen Tag im Mai. Am ersten Tag der Abhärtung werden alle Pflanzenschalen und Töpfe für maximal ein bis zwei Stunden nach draußen in den Garten oder auf die Terrasse gestellt. Es ist hierbei das unumstößliche Gesetz zu beachten, dass die Pflanzen an den ersten Tagen niemals in der prallen, direkten Sonne stehen dürfen. Der ideale Platz für den Start ist ein absolut schattiger, windgeschützter Bereich, beispielsweise unter einem Vordach, im lichten Schatten einer großen Hecke oder unter einem großen Obstbaum. Selbst im tiefen Schatten im Freiland ist die Intensität des UV-Lichts und des diffusen Himmelslichts noch um ein Vielfaches höher als hinter der hellsten Fensterscheibe im Haus. Nach dieser kurzen Auszeit wandert die gesamte Pflanzenschar wieder zurück auf ihren sicheren Platz auf der warmen Fensterbank.
In den darauffolgenden Tagen wird die Verweildauer im Freiland im Sekundentakt kontinuierlich gesteigert. Am zweiten und dritten Tag können die Jungpflanzen bereits für drei bis vier Stunden draußen verbleiben, und der Standort darf langsam von einer vollständig schattigen Ladezone in den lichten Halbschatten verlegt werden, wo die Pflanzen am frühen Morgen oder am späten Nachmittag für wenige Minuten die ersten milden, direkten Sonnenstrahlen abbekommen. Während dieses gesamten Prozesses muss die Bodenfeuchtigkeit im Topf akribisch kontrolliert werden, da der Wind und die höhere Luftbewegung im Freien das Substrat in den kleinen Anzuchtbechern wesentlich schneller austrocknen lassen als in der geschützten Wohnung. Ein trockener Ballen während der sensiblen Abhärtungsphase würde das System der Pflanze sofort überlasten und bleibende Schäden an den feinen Haarwurzeln verursachen.
Ab dem fünften oder sechsten Tag des Programms sind die Pflanzen in der Regel so weit stabilisiert, dass sie den gesamten Tag von morgens bis abends im Freiland verbringen können. Sie vertragen nun auch problemlos die intensivere Mittagssonne, sofern sie nicht völlig austrocknen. Ein wichtiger logistischer Schritt erfolgt nun am späten Nachmittag: Die Pflanzen werden vor dem Einbruch der Dunkelheit nicht mehr in das beheizte Wohnzimmer zurückgebracht, sondern verbringen die Nacht an einem kühleren, ungeheizten Ort im Haus, wie beispielsweise im kalten Flur, im Kelleraufgang, in der Garage oder in einem ungeheizten Wintergarten. Durch diesen Temperaturwechsel im Schongang gewöhnt sich der pflanzliche Stoffwechsel an die natürlichen, kühlen Nachttemperaturen, was den späteren Schock beim finalen Einzug ins Beet komplett eliminiert. Die Pflanzen fahren ihre Atmung in den kühlen Nächten herunter und sparen wertvolle Energie, die sie stattdessen in das Wurzelwachstum investieren können.
Sollte der Wetterbericht für die letzten Nächte der Abhärtungsphase absolut stabil bleiben und die Tiefsttemperaturen nicht unter zehn Grad Celsius absinken, können die robusten Kulturen wie Tomaten, Kohlgewächse und Salate die letzten zwei Nächte vor dem Auspflanzen sogar vollständig im Freien verbringen. Sie werden hierfür starr dicht an die schützende Hauswand gestellt und bei Bedarf mit einer leichten Decke aus Einmachgläsern oder einem lockeren Vlies abgedeckt. Extrem wärmeliebende Exoten wie Gurken, Zucchini, Paprika und Chilis sollten jedoch unter keinen Umständen nachts draußen gelassen werden, wenn die Temperaturen unter die Zwölf-Grad-Marke fallen, da sie sonst einen Kälteschock erleiden, der zu einem wochenlangen Wachstumsstopp führt. Nach Ablauf dieser zehntägigen Übergangsfrist ist die Zellstruktur der Jungpflanzen porentief abgehärtet, die Stängel stehen kerzengerade im Wind, und das Gemüse kann vollkommen stressfrei und ohne das Risiko von Sonnenbrand oder Welke direkt in die vier vorbereiteten Hauptbeete ausgepflanzt werden, wo sie sofort kräftig anwurzeln und eine reiche, gesunde Ernte sichern.
