Das Pikieren, also das kontrollierte Vereinzeln von dicht stehenden Sämlingen in eigene Pflanzgefäße, ist ein unumgänglicher Meilenstein im Zyklus der pflanzlichen Voranzucht. Wer seine Samen im Frühjahr in großen Anzuchtschalen oder gemeinschaftlichen Gefäßen ausgesät hat, steht nach einigen Wochen vor einem dichten, grünen Teppich aus jungen Keimlingen. In dieser Anfangsphase teilen sich die zarten Pflanzen den begrenzten Raum der Schale noch ohne sichtbare Probleme. Doch mit jedem Tag, den die Sämlinge wachsen, dehnt sich auch ihr unsichtbares Wurzelnetzwerk unter der Erdoberfläche rasant aus. Bleiben die Pflanzen nun zu lange in dieser engen Gemeinschaft stehen, setzt ein unerbittlicher Konkurrenzkampf um die lebenswichtigen Ressourcen Licht, Wasser und Bodennährstoffe ein. Die Keimlinge behindern sich gegenseitig, wachsen mangels Platzes nur noch dünn und schwächlich in die Höhe und verfilzen im Wurzelbereich so stark, dass eine spätere Trennung ohne massive Beschädigungen völlig unmöglich wird. Das Pikieren löst diesen logistischen Engpass im Anzuchtsystem rechtzeitig auf. Es gibt jeder einzelnen Pflanze den Raum, den sie für die Ausbildung eines kräftigen Stängels und eines tiefgründigen Wurzelsystems benötigt, um später im Freiland maximale Erträge zu liefern.
Der erste entscheidende Faktor für den Erfolg dieser gärtnerischen Maßnahme ist die exakte Bestimmung des richtigen Zeitpunkts. Viele Anfänger neigen dazu, die jungen Pflanzen viel zu früh zu vereinzeln, sobald die ersten grünen Spitzen aus der Erde gucken. Das ist aus biologischer Sicht ein schwerer Fehler, da die Keimlinge in den ersten Tagen nach dem Durchbrechen der Erdoberfläche noch viel zu empfindlich für mechanische Berührungen sind. Der richtige Moment im Wachstumsprozess lässt sich jedoch ganz einfach an der Ausbildung der Blätter ablesen. Jede Gemüsepflanze bildet nach der Keimung zunächst zwei sogenannte Keimblätter aus, die meistens eine einfache, ovale oder längliche Form besitzen und sich optisch stark von den späteren Blättern der erwachsenen Pflanze unterscheiden. Erst nach diesen Keimblättern entwickelt der Sämling im Zentrum sein erstes echtes, sortentypisches Blattpaar. Sobald dieses erste echte Blattpaar vollständig ausgebildet ist und sich das zweite Blattpaar bereits schemenhaft ankündigt, ist der biologisch optimale Zeitpunkt für das Pikieren erreicht. Zu diesem Zeitpunkt sind die Wurzeln bereits lang genug, um den Wechsel zu überstehen, aber noch nicht so stark mit den Nachbarwurzeln verwoben, dass es beim Trennen zu Abrissen kommt.
Die logistische Vorbereitung des Arbeitsplatzes und der neuen Gefäße entscheidet maßgeblich darüber, wie stressfrei der Übergang für die empfindlichen Pflanzen abläuft. Für das Pikieren wechseln wir nun das Substrat: Anstatt der nährstoffarmen Anzuchterde, die wir für die Aussaat genutzt haben, befüllen wir die neuen Einzeltöpfe mit einer hochwertigen, moderat nährstoffreichen Pikiererde oder einer mit reifem Kompost angereicherten Gemüseerde. Die jungen Pflanzen haben ihren internen Samenvorrat nun vollständig aufgebraucht und benötigen für das anstehende, kräftige Wachstum der kommenden Wochen eine verlässliche und kontinuierliche Zufuhr von Stickstoff, Phosphor und Kalium. Als Töpfe eignen sich kleine Plastiktöpfe aus dem Vorjahr, saubere Joghurtbecher mit Entwässerungslöchern im Boden oder biologisch abbaubare Presstöpfe. Die Gefäße werden bis knapp unter den Rand mit der Erde befüllt, die man im Anschluss ganz leicht andrückt. Mit einem speziellen Pikierstab aus Holz, einem einfachen Bleistift oder dem Stiel eines alten Löffels wird nun in der Mitte jedes Topfes ein tiefes, ausreichend breites Loch gebohrt, das Platz für das gesamte Wurzelwerk des Sämlings bietet.
Der eigentliche mechanische Vorgang des Pikierens erfordert ein hohes Maß an Fingerspitzengefühl und absolute Ruhe, um die zarten Pflanzenteile nicht unumkehrbar zu schädigen. Zunächst wird die Erde in der alten Anzuchtschale etwa eine Stunde vor Beginn der Arbeit gründlich durchfeuchtet. Nasse Erde haftet besser an den feinen Haarwurzeln, schützt diese vor dem sofortigen Austrocknen an der Luft und sorgt dafür, dass sich das Wurzelnetzwerk wesentlich leichter aus dem Verbund lösen lässt. Nun führt man den Pikierstab vorsichtig schräg von der Seite unter die Wurzeln einer kleinen Pflanzengruppe und hebelt diese mit einer sanften Bewegung nach oben hin an, während man mit der anderen Hand die Blätter der Pflanze ganz leicht führt. Ein unumstößliches Gesetz der Pflanzenlogistik besagt hierbei: Ein Sämling wird beim Pikieren niemals starr am empfindlichen Stängel angefasst. Der Stängel enthält die lebenswichtigen Leitbahnen für den Wassertransport; wird er durch zu festen Druck der Finger gequetscht, ist die Pflanze dauerhaft zerstört und stirbt ab. Angefasst wird die Pflanze ausschließlich vorsichtig an den robusten Keimblättern.
Sobald der einzelne Sämling isoliert ist, betrachtet man kurz das Wurzelsystem. Sollte die Hauptwurzel extrem lang und fadenförmig gewachsen sein, kann man die Spitze der Wurzel mit dem Fingernagel um etwa ein Drittel einkürzen. Dieser kontrollierte Wurzelschnitt ist ein bewährter gärtnerischer Trick, der bei vielen Gemüsesorten, insbesondere bei Tomaten, Paprika und Chili, ein wahres Wunder bewirkt. Der bewusste Reiz sorgt dafür, dass die Pflanze das Längenwachstum der Wurzel kurzfristig stoppt und stattdessen massenhaft neue, feine Seitenwurzeln ausbildet. Das Ergebnis ist ein extrem buschiges, dichtes und stabiles Wurzelwerk im Topf, das die Pflanze später im Freiland optimal verankert und die Nährstoffaufnahme maximiert. Bei empfindlichen Pfahlwurzler-Kulturen wie Gurken oder Zucchini sollte dieser Schnitt jedoch unterlassen werden, da sie Wurzelverletzungen nur sehr schlecht tolerieren, weshalb diese Sorten idealerweise von Anfang an in Einzeltöpfen ausgesät werden, um das Pikieren komplett zu umgehen.
Im nächsten logistischen Schritt wird der Sämling vorsichtig in das vorbereitete Loch des neuen Topfes eingesetzt. Dabei gilt es starr zu beachten, dass die Pflanze deutlich tiefer in die Erde gesetzt wird, als sie vorher in der Anzuchtschale stand. Bei Tomaten und Paprika können wir die Pflanzen problemlos so tief einsetzen, dass die Erde am Ende bis knapp unter die Keimblätter reicht. Tomaten besitzen die biologische Eigenschaft, am gesamten unterirdischen Stängelabschnitt nachträglich neue, sogenannte Adventivwurzeln auszubilden. Durch das tiefe Setzen vergrößert sich das zukünftige Wurzelvolumen der Pflanze im Handumdrehen, was die Stabilität des Stängels massiv verbessert und das spätere Vergeilen der Pflanzen auf der Fensterbank effektiv unterbindet. Nachdem die Wurzeln im Loch platziert sind, wird die Erde von den Seiten her mit dem Pikierstab oder den Fingern vorsichtig zusammengeschoben und rund um den Stängel fest angedrückt, damit keine Luftlöcher im Boden verbleiben, in denen die feinen Haarwurzeln austrocknen würden.
Den krönenden Abschluss des Pikierprozesses bildet das erste, durchdringende Angießen der frisch umgetopften Jungpflanzen. Dieser Vorgang dient nicht nur der reinen Wasserversorgung, sondern erfüllt eine wichtige physikalische Aufgabe im Erdboden: Das Wasser schwemmt die feinen Erdepartikel direkt an die neu eingesetzten Wurzeln heran und schließt die verbliebenen Hohlräume im Substrat vollständig, sodass der ungestörte Bodenschluss wiederhergestellt ist. Das Angießen erfolgt im Schongang mit einer sehr feinen Brause oder einer kleinen Dosierflasche, damit die frisch gesetzten Keimlinge nicht durch einen harten Wasserstrahl umgerissen oder freigespült werden. In den ersten zwei bis drei Tagen nach dem Pikieren befinden sich die Pflanzen in einer sensiblen Übergangsphase, da die Wurzeln sich erst neu sortieren müssen. Die Töpfe werden daher in dieser Zeit an einen hellen, aber vor direkter, praller Mittagssonne geschützten Ort aufgestellt, da die Pflanzen ohne intakten Bodenschluss bei starker Hitze sofort welken würden. Erst wenn die Keimlinge nach wenigen Tagen neue Spannkraft zeigen und weiterwachsen, ziehen sie wieder starr an ihren finalen Platz auf der sonnigen Fensterbank um.
