Die eigene Voranzucht von Jungpflanzen auf der Fensterbank ist für viele Gärtner der emotionale und praktische Startschuss in das neue Gartenjahr. Sie bietet die Möglichkeit, bereits im späten Winter aktiv zu werden, während draußen auf den Beeten noch Frost und Schnee das Regiment führen. Der Anbau eigener Pflanzen aus Samen hat gegenüber dem Kauf fertiger Setzlinge aus der Gärtnerei erhebliche logistische und finanzielle Vorteile. Zum einen schont es die Haushaltskasse ganz massiv, da eine Samentüte mit oft Hunderten von Samenkörnern weniger kostet als zwei oder drei fertige Jungpflanzen im Plastiktopf. Zum anderen steht man im Fachhandel meistens vor einer sehr begrenzten, standardisierten Auswahl an Sorten, die auf maximale Transportfähigkeit und optische Gleichmäßigkeit im Verkaufsregal gezüchtet wurden. Bei der eigenen Anzucht hingegen öffnet sich das gesamte Universum der Sortenvielfalt: Alte, samenfeste Tomatensorten, aromatische Freilandgurken oder seltene Paprika- und Chilisorten, die perfekt an die klimatischen Bedingungen der eigenen Region angepasst sind, lassen sich so problemlos heranziehen. Doch trotz der großen Vorfreude ist die Fensterbankanzucht auch eine Phase, in der viele Fehler begangen werden, die das Projekt Selbstversorgung vorzeitig scheitern lassen. Wenn Keimlinge vergeilen, umkippen, von Schimmel befallen werden oder schlichtweg nicht wachsen wollen, liegt das fast immer an einer falschen Abstimmung der drei entscheidenden Faktoren: Licht, Temperatur und Zeitpunkt.
Der häufigste und folgenschwerste Fehler bei der Voranzucht im Haus ist ein viel zu früher Startzeitpunkt im Jahr. Viele ambitionierte Einsteiger lassen sich von den ersten milden Sonnenstrahlen im Januar oder Februar dazu verleiten, die Samentüten hervorzukuscheln und Tomaten oder Zucchini in die Anzuchtschalen auszusäen. Das ist aus biologischer Sicht eine absolute Fehlplanung, die im Zement des Pflanzenwachstums zu großen Problemen führt. Im Januar und Februar sind die Tage in Mitteleuropa noch viel zu kurz, und die Intensität des natürlichen Tageslichts, das durch die Fensterscheiben dringt, ist vollkommen unzureichend. Die Keimtemperatur in der beheizten Wohnung ist jedoch durch die Heizung meistens sehr hoch. Wenn Samen nun eine hohe Wärme von über zwanzig Grad vorfinden, signalisiert das System der Pflanze, dass Sommer ist, und der Samen keimt rasant. Findet der junge Keimling dann jedoch zu wenig Licht vor, beginnt er verzweifelt, in Richtung der Lichtquelle zu wachsen. Er bildet einen extrem langen, dünnen und blassen Stängel aus, um an das vermeintliche Sonnenlicht zu gelangen. Dieses Phänomen nennt man in der Fachwelt Vergeilung oder Vergeilen. Diese Pflanzen besitzen keine innere Stabilität, die Zellwände sind viel zu schwach, und spätestens beim späteren Pikieren oder beim ersten leichten Luftzug auf dem Beet knicken die Sämlinge unrettbar um und sterben ab. Als unumstößliche Faustregel gilt daher: Für wärmeliebende Kulturen wie Tomaten reicht ein Start ab Mitte bis Ende März völlig aus, während schnellwachsende Pflanzen wie Kürbisse, Zucchini und Gurken sogar erst Mitte April ausgesät werden sollten, da sie ohnehin nur vier Wochen bis zum Auspflanzen nach den Eisheiligen im Mai benötigen.
Neben dem richtigen Timing spielt die Auswahl der passenden Ausrüstung und der richtigen Erde eine entscheidende Rolle für das gesunde Wurzelwachstum der jungen Pflanzen. Für die Aussaat sollte unter keinen Umständen normale, nährstoffreiche Gartenerde oder billige Blumenerde aus dem Supermarkt verwendet werden. Diese Erden sind viel zu stark mit Nährsalzen aufgedüngt. Wenn ein winziger Samen keimt, benötigt er in den ersten Tagen überhaupt keine externen Nährstoffe, da er sich vollständig aus den Vorräten ernährt, die im Samenkorn eingebettet sind. Befindet sich der zarte Keimling nun in einer überdüngten Erde, werden die feinen, neu gebildeten Haarwurzeln durch die hohe Salzkonzentration regelrecht verbrannt. Die Pflanze kann kein gesundes Wurzelsystem aufbauen und stagniert im Wachstum. Reine, nährstoffarme Anzuchterde oder Kokosfasersubstrat sind hier die einzig richtige Wahl. Diese Substrate sind zudem meistens keimfrei, was verhindert, dass die gefürchtete Umfallkrankheit – eine durch Bodenpilze verursachte Infektion – die jungen Keimlinge im Handumdrehen dahingreift. Als Gefäße müssen keine teuren Plastikschalen gekauft werden; saubere Eierkartons, leere Klopapierrollen, die man unten einschneidet und umknickt, oder gesammelte Joghurtbecher, in die man unten Löcher für den Wasserabfluss bohrt, erfüllen diese Aufgabe vollkommen kostenlos und umweltfreundlich.
Die logistische Steuerung des Mikroklimas auf der Fensterbank erfordert während der Keimphase ein ständiges Ausbalancieren von Feuchtigkeit und Luftzufuhr. Nach der Aussaat müssen die Gefäße konstant feucht gehalten werden, da der Samen Wasser aufsaugen muss, um die harte Hülle zu sprengen. Auch hier ist das Gießen mit einer schweren Kanne tabu, da es die Erde verschlämmt und die Samen tief vergräbt. Ein feiner Wassersprüher ist das optimale Werkzeug. Um ein Gewächshausklima zu simulieren, werden die Schalen mit einer transparenten Abdeckung versehen. Sobald sich jedoch die ersten grünen Keimblätter an der Oberfläche zeigen, ändert sich die Anforderung der Pflanzen radikal: Die Abdeckung muss sofort entfernt werden, und die Pflanzen müssen an einen kühleren, aber maximal hellen Ort umziehen. Für Tomaten und Paprika ist nach der Keimung eine Raumtemperatur von etwa fünfzehn bis achtzehn Grad an einem Südfenster ideal. Ist es zu warm, wachsen die Pflanzen zu schnell in die Höhe und werden instabil; ist es zu kalt, stockt das Wachstum komplett. Durch das bewusste Einhalten dieser biologischen Gesetzmäßigkeiten steuerst du die Voranzucht fehlerfrei, sparst dir eine Menge Frust und ziehst dir kräftige, tiefgrüne und kompakt gewachsene Jungpflanzen heran, die im Mai auf den Gemüsebeeten im Außenbereich sofort optimal anwachsen und reiche Erträge für die ganze Familie liefern.
