Kapitel 38: Das große ABC der Küchenkräuter – Anbau und Pflege von mehrjährigen Kräutern

Die Anlage eines eigenen Kräuterbereichs oder das gezielte Integrieren von mehrjährigen Küchenkräutern in die bestehenden Strukturen eines Naturgartens gehört zu den dankbarsten und nachhaltigsten Projekten im gesamten Gartenjahr. Mehrjährige Kräuter sind die unermüdlichen Dauerbrenner des Gartens. Im Gegensatz zu einjährigen Kulturen, die jedes Frühjahr aufs Neue mühsam auf der Fensterbank vorgezogen, pikiert und ausgepflanzt werden müssen, verbleiben diese robusten Gewächse über viele Jahre fest an ihrem zugewiesenen Ort auf dem Grundstück. Sie überstehen selbst eisige Wintermonate im Freiland ohne nennenswerte Schäden und treiben im ersten milden Frühlingswind ganz von alleine wieder frisch und grün aus. Aus Sicht der ganzheitlichen Permakultur und einer kaufmännisch klugen Haushaltsführung besitzen diese Pflanzen einen unschätzbaren Wert: Sie liefern der Familienküche fast das gesamte Jahr über frische Vitamine, intensive Aromen und heilkräftige Inhaltsstoffe, während ihr Pflegeaufwand von Jahr zu Jahr gegen null sinkt. Wer die spezifischen biologischen Ansprüche dieser Pflanzengruppe versteht und sie strategisch richtig auf den Flächen platziert, baut sich ein autarkes System auf, das die Haushaltskasse dauerhaft vor den extrem hohen Preisen für frische Kräuterbunde oder getrocknete Gewürze im Supermarkt schützt.

Um den Anbau von mehrjährigen Küchenkräutern fehlerfrei und ohne Enttäuschungen zu steuern, müssen wir die Pflanzen anhand ihrer evolutionären Herkunft und ihrer daraus resultierenden Bedürfnisse starr in zwei völlig unterschiedliche Hauptgruppen unterteilen. Auf der einen Seite stehen die klassischen, wärmeliebenden Mittelmeerkräuter, zu denen Rosmarin, Thymian, Salbei, echter Lavendel, Oregano (Dost) und Bohnenkraut gehören. Diese Pflanzen stammen ursprünglich aus den kargen, felsigen und sonnenverwöhnten Küstenregionen des Mittelmeerraumes. Sie besitzen aufgrund dieser Evolution schmale, oft ledrige oder fein behaarte Blätter, die sie vor übermäßiger Verdunstung schützen, und haben ein extrem tiefgehendes, trockenheitsresistentes Wurzelsystem entwickelt. Das unumstößliche Gesetz für diese Gruppe lautet: Sie benötigen einen vollsonnigen, warmen Standort und einen extrem kargen, sandigen, kalkhaltigen und absolut durchlässigen Erdboden. Werden diese Pflanzen fälschlicherweise in ein normales, schweres und nährstoffreiches Gemüsebeet gepflanzt, führt dies im System zu einer biologischen Fehlleitung. Die Wurzeln fangen durch die im Winter entstehende Staunässe sofort an zu faulen, das Gewebe bleibt weich und die Pflanzen erfrieren beim ersten strengen Frost unrettbar im Beet.

Auf der anderen Seite stehen die heimischen oder schattenliebenden Wild- und Kulturkräuter, zu denen die verschiedenen Minzarten (Pfefferminze, Marokkanische Minze), der Schnittlauch, der echte Liebstöckel (Maggiwurz), der Rhabarber, der Sauerampfer und die Zitronenmelisse zählen. Diese Pflanzen haben sich im Laufe der Evolution an die Bedingungen feuchter Waldränder, Flussufer oder nahrhafter Wiesen angepasst. Sie besitzen große, weiche Blattflächen und bevorzugen einen halbschattigen bis schattigen Standort sowie einen dauerhaft feuchten, humosen und gut mit Nährstoffen versorgten Erdboden. Ein Liebstöckel oder ein kräftiger Horst Schnittlauch benötigt im Frühjahr eine großzügige Gabe von reifem Kompost, um seine gewaltige Blattmasse auszubilden. Würde man diese Pflanzen starr auf die karge Spitze einer Kräuterspirale in den brennenden Sand setzen, würden sie innerhalb weniger Tage vertrocknen und verkümmern. Das Wissen um diese beiden gegensätzlichen botanischen Welten ist die wichtigste Schiene, um im Garten mit minimalem Aufwand das maximale Ergebnis zu erzielen, ohne die eigenen Kräfte im Familienalltag durch ständiges Gießen oder Umpflanzen zu verschleißen.

Eine ganz besondere logistische Herausforderung bei der Pflege von mehrjährigen Kräutern betrifft das unkontrollierte Ausbreitungsverhalten bestimmter Arten, allen voran der Familie der Minzen und der Zitronenmelisse. Minzen sind wahre Überlebenskünstler und besitzen einen enormen Drang, das gesamte Grundstück im Handumdrehen zu erobern. Sie bilden unterirdisch und oberirdisch lange, zähe Ausläufer, sogenannte Rhizome, die sich im Sekundentakt durch das Erdreich graben und an jedem Knotenpunkt neue Wurzeln und Triebe bilden. Pflanzt man eine Minze ohne Schutzmaßnahmen direkt in ein offenes Gemüsebeet, überrennt sie innerhalb einer einzigen Saison alle umliegenden Kulturen und erstickt feines Gemüse wie Karotten oder Salate vollständig. Um diesen logistischen Schaden im Garten fehlerfrei zu verhindern, wird die Minze in der Permakultur starr mit einer unknackbaren Wurzelsperre eingebunden. Hierzu pflanzt man das Kraut entweder in einen großen, ausgedienten Baueimer, in dessen Boden man zuvor Löcher gegen Staunässe gebohrt hat, und versenkt diesen Eimer bündig im Erdboden, oder man weist der Minze einen isolierten Platz in einem separaten Kübel auf der Terrasse zu, wo ihre Ausläufer keine offenen Erdböden erreichen können.

Der Schlüssel für ein langes, produktives Leben und eine kontinuierliche Ernte bei allen mehrjährigen Kräutern ist der richtige Rückschnitt zum exakten biologischen Zeitpunkt. Bei den verholzenden Mittelmeerkräutern wie Salbei, Thymian und Lavendel wird im zeitigen Frühjahr, sobald die strengen Dauerfröste im März vorüber sind, ein kräftiger Verjüngungsschnitt durchgeführt. Man schneidet die Triebe um etwa ein Drittel bis zur Hälfte zurück, darf dabei jedoch niemals starr bis in das alte, völlig kahle Holz schneiden, da diese Pflanzen aus dem alten Holz nur sehr schwer oder gar nicht mehr neu austreiben. Dieser Schnitt regt die Pflanze dazu an, an der Basis kompakt und buschig neu auszutreiben, und verhindert das unschöne Verkahlen der Sträucher von unten her. Geerntet werden die Kräuter den gesamten Sommer über, indem man immer nur die Triebspitzen abschneidet. Dies hat einen genialen Nebeneffekt: Das Entfernen der Spitzen bricht die apikale Dominanz der Pflanze, wodurch sich die darunter liegenden Seitentriebe explosionsartig verzweigen. Der Strauch wird immer dichter und liefert fortlaufend frische Erträge, während die Blütenbildung verzögert wird, was die ätherischen Öle und den intensiven Geschmack in den Blättern maximal konzentriert erhält und deiner Familie das ganze Jahr über frische Gewürze garantiert.

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