Der Anbau von außergewöhnlichen Nutzpflanzen und botanischen Exoten im mitteleuropäischen Hausgarten galt über viele Jahrzehnte hinweg als ein gewagtes, fast unmögliches Unterfangen, das meist nur in beheizten Gewächshäusern von spezialisierten Gärtnereien von Erfolg gekrönt war. Durch die spürbaren klimatischen Veränderungen der letzten Jahre, die uns immer heißere, trockenere Sommer und mildere Übergangsphasen im Frühjahr und Herbst bescheren, eröffnen sich für Selbstversorger im eigenen Naturgarten völlig neue Möglichkeiten. Gemüsesorten wie die Süßkartoffel und Früchte wie die Physalis, die ursprünglich aus den tropischen und subtropischen Regionen Süd- und Mittelamerikas stammen, lassen sich heute mit dem richtigen Fachwissen erfolgreich im Freiland kultivieren. Aus kaufmännischer Sicht bietet der Anbau dieser Exoten einen enormen Hebel für die Haushaltskasse: Im Supermarkt gehören Bio-Süßkartoffeln und frische Physalisbeeren zu den absoluten Premium-Produkten mit extrem hohen Preisen. Wer diese Delikatessen im eigenen Garten zieht, holt sich nicht nur eine kulinarische Bereicherung auf den Familientisch, sondern schont das Budget ganz erheblich. Da diese Pflanzen jedoch genetisch starr auf Wärme geprägt sind, fordert ihre Kultur ein durchdachtes logistisches System, das sich grundlegend vom Anbau heimischer Gemüsesorten unterscheidet.
Um den Anbau von Süßkartoffeln, wissenschaftlich als Ipomoea batatas bekannt, fehlerfrei zu steuern, muss man sich im ersten Schritt von der Vorstellung lösen, dass diese Pflanze mit der heimischen Kartoffel verwandt ist. Die normale Kartoffel gehört zu den Nachtschattengewächsen, während die Süßkartoffel ein Windengewächs ist und ein völlig anderes Wachstumsmuster aufweist. Süßkartoffeln bilden im Laufe des Sommers ein dichtes, kriechendes Laubwerk aus, das den Erdboden wie ein grüner Teppich flächendeckend überwuchert, während sich die wertvollen, stärke- und zuckerreichen Speicherknollen unsichtbar in der Erde entwickeln. Das größte biologische Problem beim Anbau in Mitteleuropa ist die lange Entwicklungszeit der Knollen von mindestens einhundertzwanzig bis einhundertfünfzig Tagen, gepaart mit einer absoluten Intoleranz gegenüber kalten Temperaturen. Bereits bei Temperaturen unter zehn Grad Celsius stellt die Pflanze ihr Wachstum vollständig ein; der kleinste Hauch von Nachtfrost im Mai oder September führt zum sofortigen Absterben des gesamten oberirdischen Laubs und zum Totalverlust der Ernte.
Der logistische Masterplan für den Erfolg mit Süßkartoffeln beginnt daher bereits im Spätwinter im Haus mit der eigenen Anzucht der sogenannten Stecklinge. Man kauft im Bioladen eine gesunde, ungetaufte Knolle und legt diese im Januar oder Februar waagerecht in eine Schale, die zur Hälfte mit feuchtem Sand oder Anzuchterde gefüllt ist, oder man hängt die Knolle mithilfe von Zahnstochern zur Hälfte in ein Glas mit klarem Wasser auf die warme Fensterbank. Bei einer konstanten Raumtemperatur von über zweiundzwanzig Grad erwachen die schlafenden Augen der Knolle nach wenigen Wochen zum Leben und treiben unzählige, pfeilgerade grüne Triebe aus. Sobald diese Triebe eine Länge von etwa zehn bis fünfzehn Zentimetern erreicht haben, werden sie vorsichtig mit einem scharfen Messer direkt an der Knolle abgeschnitten und in ein separates Wasserglas gestellt. Innerhalb weniger Tage bilden diese Stecklinge im Wasserglas ein dichtes, weißes Wurzelgeflecht aus. Sie werden anschließend in kleine Einzeltöpfe mit Erde gepflanzt und auf der Fensterbank bis Mitte Mai gehegt, wodurch die Pflanzen einen enormen Wachstumsvorsprung erhalten, bevor sie ins Freiland umziehen.
Das Auspflanzen im Garten erfolgt starr erst nach den Eisheiligen, wenn der Erdboden sich durch die Frühlingssonne bereits tiefgründig erwärmt hat. Da Süßkartoffeln als Starkzehrer einen riesigen Hunger auf organische Nährstoffe besitzen, wählen wir für sie einen vollsonnigen, windgeschützten Platz, idealerweise auf der warmen Südseite eines Hügelbeets oder in einem Hochbeetsystem, das im Vorjahr intensiv mit reifem Kompost und Hühnermist aufgeladen wurde. Ein genialer Praxistipp zur Temperatursteuerung im Freiland ist das Anlegen von hohen Erddämmen, ähnlich wie beim Spargelanbau. Die Erde in diesen Dämmen erwärmt sich durch die Sonneneinstrahlung von den Seiten her wesentlich schneller als ein flaches Beet. Um die Wärme unknackbar im Boden zu verriegeln, kann der Damm zusätzlich mit einer biologisch abbaubaren Mulchfolie abgedeckt werden. Die Stecklinge werden durch kleine Schlitze in der Folie tief in die Erde gesetzt. Das feuchte Mikroklima unter der Abdeckung sorgt für ein explosives Wachstum, unterdrückt das Wildkraut komplett und reduziert deinen täglichen Gießaufwand im Homeoffice im Sommer ganz erheblich.
Die zweite faszinierende Exoten-Kultur für deine Selbstversorgung ist die Physalis, genauer gesagt die Kapstachelbeere (Physalis peruviana), die nicht mit der kleineren, einjährigen Ananaskirsche verwechselt werden darf. Die Kapstachelbeere ist eine mehrjährige, buschig wachsende Pflanze aus der Familie der Nachtschattengewächse, die im Sommer unzählige, wunderschöne Laternenfrüchte ausbildet. In diesen papierartigen, schützenden Hüllen reift eine goldgelbe, extrem aromatische Beere heran, die reich an Vitamin C ist und von Kindern mit Begeisterung direkt vom Strauch genascht wird. Die Physalis besitzt ein ähnliches Wärmebedürfnis wie die Tomate, wächst jedoch im Laufe des Sommers zu einem gewaltigen, weit verzweigten Busch von über eineinhalb Metern Höhe und Breite heran, was bei der Platzplanung im Beet zwingend berücksichtigt werden muss.
Die Voranzucht der Physalis erfolgt bereits ab Februar starr als Dunkelkeimer auf der warmen Fensterbank, da die winzigen Samen sehr lange brauchen, um aufzulaufen, und die Pflanze eine lange Entwicklungszeit benötigt, bis sich die ersten Blüten öffnen. Nach dem Pikieren in Einzeltöpfe werden die Jungpflanzen im Mai an einen vollsonnigen, maximal heißen Platz im Garten gepflanzt. Im Gegensatz zu den Tomaten benötigt die Physalis jedoch einen deutlich magereren Boden. Wenn man Physalis in ein frisch gedüngtes Kompostbeet setzt, führt dies im System der Pflanze zu einer biologischen Fehlleitung: Der Busch investiert seine gesamte Energie in das Wachstum von riesigen Blättern und dicken Stängeln, während die Blütenbildung und der Fruchtansatz komplett ausbleiben. Ein karger, sandiger Boden, der lediglich im Vorjahr moderat gedüngt wurde, ist hier der absolute Erfolgsgarant. Die Pflanze wird im Sommer, anders als Stabtomaten, niemals ausgegeizt; sie darf sich frei verzweigen, da sich die wertvollen Früchte in jeder einzelnen Blattachsel der Seitentriebe entwickeln.
Die Ernte der Physalis erfordert Geduld und das richtige Auge für den Reifezustand. Die Früchte dürfen niemals im grünen Zustand geerntet werden, da sie wie alle Nachtschattengewächse im unreifen Zustand das giftige Solanin enthalten und zudem nicht nachreifen. Der exakte Zeitpunkt für die Ernte ist erreicht, wenn sich die papierartige Schutzhülle um die Beere herum vollständig hellbraun verfärbt, austrocknet und wie Pergamentpapier anfühlt. Die reife Frucht fällt dann oft schon bei der kleinsten Berührung ganz leicht in die Hand. Ein unschätzbarer Vorteil der Physalis ist ihre fantastische Lagerfähigkeit: In der geschlossenen, trockenen Hülle verbleiben die Beeren an einem kühlen, schattigen Ort im Haus über mehrere Wochen hinweg steinhart, frisch und aromatisch, ohne an Qualität zu verlieren. Das tiefe Wissen um die Logistik und die Pflege dieser beiden tropischen Kulturen erweitert den Horizont deines Gartens ungemein, schenkt deiner Familie exklusive Geschmackserlebnisse und beweist unmissverständlich, dass ein moderner Permakultur-Garten jede klimatische Herausforderung im Schongang der Natur meistern kann.
