Das Konzept des Waldgartens, in der internationalen Fachwelt auch als Food Forest oder essbarer Wald bekannt, repräsentiert die absolute Krönung und das am weitesten ausgereifte Anbausystem innerhalb der gesamten Permakultur-Gestaltung. Während der traditionelle, konventionelle Gemüseanbau auf jährlich wiederkehrender, kraftraubender Arbeit, dem ständigen Umbrechen des Bodens und dem permanenten Schutz anfälliger Monokulturen basiert, ahmt ein Waldgarten die Struktur, die Dynamik und die unerschöpfliche Fruchtbarkeit eines natürlichen Waldökosystems nach. Wer sich mit den biologischen Abläufen in einem unberührten, heimischen Mischwald beschäftigt, stellt fest, dass dort ohne jegliches menschliches Zutun, ohne künstliche Düngemittel, ohne Bewässerungsanlagen und ohne synthetische Pflanzenschutzmittel über Jahrhunderte hinweg eine gigantische Menge an Biomasse und Lebenskraft entsteht. Der Boden bleibt dauerhaft humusreich, das System reguliert Schädlinge vollkommen eigenständig, und die Pflanzen sind optimal gegen extreme Witterungseinflüsse geschützt. Das gezielte Anlegen eines Waldgartens auf dem eigenen Grundstück ist der Versuch, dieses unknackbare Erfolgsmodell der Evolution eins zu eins auf den Anbau von Lebensmitteln für die eigene Familie zu übertragen, um eine essbare Landschaft zu erschaffen, die von Jahr zu Jahr produktiver wird, während der Pflegeaufwand im Laufe der Zeit gegen null sinkt.
Der fundamentale logistische Hebel eines Waldgartens basiert auf dem konsequenten Denken und Gestalten in sieben verschiedenen vertikalen Dimensionen, den sogenannten Pflanzenschichten. In einem klassischen, zweidimensionalen Gemüsebeet nutzen wir lediglich eine einzige Ebene auf der Erdoberfläche. In einem Waldgarten hingegen stapeln wir die produktiven Nutzpflanzen systematisch über- und untereinander, wodurch die verfügbare Anbaufläche auf exakt derselben Grundfläche vervielfacht wird. Die oberste, erste Schicht bildet das Kronendach (Overstory), welches aus großen, tiefwurzelnden Obstbäumen wie alten Walnussbäumen, Eßkastanien, robusten Kulturapfel-Hochstämmen oder mächtigen Süßkirschen besteht. Diese Riesen fangen das intensive Licht ab und schützen das darunter liegende System vor zerstörerischen Stürmen und Hagelschlag. Die zweite Ebene ist die niedrige Baumschicht (Understory), die von schwachwüchsigen Obstbäumen, Halbstämmen, Quitten, Pflaumen, Pfirsichen oder schattenverträglichen Wildobstsorten wie der Kornelkirsche besiedelt wird, die im lichten Schatten der großen Bäume hervorragend gedeihen.
Darunter schließt sich die dritte Ebene an: die Strauchschicht (Shrub Layer). Hier platzieren wir eine enorme Vielfalt an fruchttragenden Beerensträuchern wie dornenlose Himbeeren, Brombeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren, Heidelbeeren, aber auch exotischere Nutzhölzer wie die vitaminreiche Felsenbirne, den Sanddorn oder die sibirische Blaubeere (Honigbeere). Die vierte Dimension ist die Krautschicht (Herb Layer), die den gesamten Bodenbereich unter den Sträuchern ausfüllt. Hier wachsen mehrjährige Gemüsearten, ausdauernde Küchenkräuter und heilkräftige Stauden wie der kellergewurzelte Beinwell, der ausdauernde Buchweizen, der Rhabarber, der mehrjährige Baumkohl, der ewige Kohl und verschiedene robuste Ampfersorten. Die fünfte Schicht befindet sich verborgen unter der Erdoberfläche: die Wurzelschicht (Rhizosphäre). Hier nutzen wir den vertikalen Raum für den Anbau von Knollen- und Wurzelgemüsen, die wenig Licht benötigen, wie die Topinambur, der Meerrettich, die Erdbirne oder winterharter Knoblauch, die den Boden mechanisch lockern und wertvolle Kohlenhydrate speichern.
Die sechste Ebene bildet die Bodendeckerschicht (Ground Cover), die den Erdboden wie ein lebendiger, grüner Schutzteppich flächendeckend versiegelt. Hierzu pflanzen wir extrem kriechende, schattenliebende Nutzpflanzen wie Walderdbeeren, Monatserdbeeren, die kriechende Kapuzinerkresse oder den winterharten Winterpostelein. Diese Schicht erfüllt eine lebenswichtige Aufgabe im System: Sie ersetzt die leblose Mulchschicht aus Stroh komplett, fängt die brennende Sommersonne ab, verhindert die Verdunstung des Bodenwassers fehlerfrei und lässt fliegenden Wildkrautsamen absolut keine physische Chance, Licht zum Keimen zu finden, was dir im Familienalltag das mühsame Unkrautjäten vollständig erspart. Die siebte und letzte Dimension schließlich ist die Vertikalschicht der Kletterpflanzen (Vines). Hier nutzen wir die massiven Stämme und Äste der großen Bäume als kostenlose, stabile Rankgerüste und lassen kletternde Nutzpflanzen wie Weinreben, winterharte Mini-Kiwis (Ananaskiwis), Hopfen oder kletternde Feuerbohnen pfeilgerade in die Höhe wachsen, ohne dass wir dafür künstliche Spaliere bauen müssen.
Das fehlerfreie Funktionieren eines solchen Waldgartens reguliert sich nach einer anfänglichen Etablierungsphase von etwa drei bis fünf Jahren komplett von ganz alleine, da wir durch die geschickte Auswahl der Pflanzen ein geschlossenes, autarkes Nährstoffnetzwerk aufbauen. Ein Waldgarten wird niemals mit künstlichem Kunstdünger oder externem Kompost versorgt; die Düngung erfolgt umsonst durch das System selbst. Wir pflanzen gezielt sogenannte dynamische Akkumulatoren wie den Beinwell, dessen tiefe Pfahlwurzeln wertvolle Mineralstoffe und Spurenelemente aus den untersten Erdschichten nach oben holen und in den riesigen Blättern speichern. Wenn die Blätter im Herbst absterben oder im Sommer als grüne Mulchmasse abgemäht werden, verrotten sie auf der Oberfläche und füttern die Regenwürmer, die daraus feinsten Humus direkt im Wurzelbereich der Beerensträucher produzieren. Stickstoffsammelnde Bäume und Sträucher wie die Erle oder der Sanddorn binden zudem unaufhörlich elementaren Stickstoff aus der Luft und speisen ihn über ihre Wurzeln direkt in den Bodenkreislauf ein.
Die biologische Schädlingsbekämpfung läuft in dieser essbaren Landschaft vollkommen automatisch im Sekundenakt des Ökosystems ab. Durch die extreme pflanzliche Vielfalt und das Vorhandensein von Totholzhaufen, dichten Laubschichten und ungestörten Naturzonen lockt der Waldgarten eine unendliche Anzahl von Nützlingen an. Vögel bauen ihre Nester im geschützten Gezweig, Igel und Erdkröten finden Unterschlupf unter den Sträuchern, und Marienkäfer, Florfliegen sowie Schlupfwespen besiedeln die Krautschicht. Eine Massenvermehrung von Schädlingen wie Blattläusen oder Raupen wird in diesem perfekt ausbalancierten System sofort im Keim erstickt, da die Jäger bereits vor Ort leben und auf der Laderampe des Waldes auf ihre Beute warten. Das Anlegen eines Waldgartens erfordert zu Beginn zwar ein hohes Maß an theoretischer Planung, Geduld und körperlicher Kraft beim Pflanzen der Gehölze, stellt aber die nachhaltigste, kaufmännisch klügste und krisensicherste Investition in die Zukunft deiner Familie dar. Du erschaffst ein lebendiges Erbe, das die Haushaltskasse über Jahrzehnte hinweg entlastet und eine unerschöpfliche Quelle an gesunder, vollkommen schadstofffreier Nahrung im Einklang mit den unumstößlichen Gesetzen der Natur garantiert.
